Fischerboot mit roten Netzen am Strand von Niechorze bei Sonnenuntergang an der Ostsee

Warum Kasztel Niechorze nicht Malibu ist

Ein Ort am Baltik. Eine Familiengeschichte. Und die Frage, warum nicht jeder Küstenort zum Lifestyle werden muss.

Der Titel ist nicht zufällig gewählt.

Ich habe fast zehn Jahre in Los Angeles gelebt. Mein erstes Jahr verbrachte ich in Malibu, dort, wo der Pacific Coast Highway auf den Topanga Canyon trifft.

Ich kenne die Palmen. Die Sonnenuntergänge. Die Surfer. Die endlosen Fahrten entlang des Pazifiks.

Und trotzdem sitze ich heute lieber an einem Strand, dessen Namen viele Menschen außerhalb Polens noch nie gehört haben – oder aussprechen können.

Kasztel Niechorze ist nicht Malibu

  • Malibu hat Palmen. Wir haben Kiefern.
  • Malibu hat Surfer. Wir haben Fischer.
  • Malibu hat den Pazifik. Wir haben den Baltik.
  • Malibu hat Filmstars. Wir haben Tante Asia.
  • Malibu hat Beach Clubs. Wir haben Räucherfischbuden.
  • Malibu hat Cabrios. Wir haben Fahrräder mit Gegenwind.
  • Malibu hat Influencer. Wir haben Möwen, die ungefragt überall mitreden.
  • Malibu verkauft Lifestyle. Der Baltik verkauft gar nichts.

Und vielleicht glauben wir ihm genau deshalb mehr. 

Natürlich ist der Vergleich unfair.

Malibu gehört zu den bekanntesten Küstenorten der Welt. Ich habe dort gelebt, gearbeitet und einen Teil meines Erwachsenenlebens verbracht.

Vielleicht fällt mir gerade deshalb auf, dass die Dinge, die Menschen wirklich suchen, an beiden Orten erstaunlich ähnlich sind: das Meer, ein Gefühl von Freiheit, gutes Essen, Geschichten und das Bedürfnis, manchmal einfach nur aufs Wasser zu schauen.

Der Unterschied ist nur, dass der Baltik nie versucht hat, daraus einen Mythos zu machen.

 

Historisches Schwarzweißfoto einer Frau mit Kinderwagen am Ostseestrand

Lange bevor es einen Shop, einen Blog oder überhaupt die Idee von Kasztel Niechorze gab, war da das Meer.

Meine Familie lebte in Danzig. Der Strand gehörte zum Alltag wie anderswo der Marktplatz oder die Dorfkirche. Im Frühjahr 1976 schob meine Großmutter Luzie Fijoł meinen Kinderwagen über den Strand von Przymorze. Damals ahnte niemand, dass diese Spaziergänge einmal Teil einer größeren Geschichte werden würden.

Wenn ich heute nach Niechorze fahre, fühlt sich vieles vertraut an. Nicht weil die Orte identisch wären, sondern weil das Meer dieselbe Sprache spricht. Der Wind riecht ähnlich. Die Möwen diskutieren genauso laut. Und irgendwo zwischen Sand, Wasser und Himmel entsteht dieses Gefühl von Weite, das mich seit meiner Kindheit begleitet.

Kasztel Niechorze beginnt deshalb nicht in Niechorze.

Es beginnt hier.

Englische Bulldogge am Strand von Niechorze an der polnischen Ostsee

Der Baltik braucht keine Filter. Er wartet einfach auf Ebbe.

Traditionelle polnische Pierogi auf einem blauen Porzellanteller

In Polen werden Erinnerungen oft gekocht, nicht erzählt.

Promenade in Niechorze mit typischer Küstenarchitektur an der Ostsee

Jemand pflanzte eine Palme. Der Baltik blieb trotzdem der Baltik.

Wer den Baltik verstehen möchte, sollte nicht zuerst auf die Promenade gehen.

Er sollte morgens zum Hafen gehen.

Dort liegen die Boote, die schon hier waren, lange bevor Touristen kamen. Die Fischer bestimmen bis heute den Rhythmus vieler Küstenorte. Ihre roten Flaggen gehören zur Landschaft wie Dünen und Leuchttürme.

Sie erinnern daran, dass das Meer kein Dekor ist.

Es ist Lebensgrundlage.

Fischerboot am Strand von Niechorze vor der Ostsee

Manchmal versuchen Küstenorte, jemand anderes zu sein.

Ein bisschen Mittelmeer hier. Ein bisschen Kalifornien dort. Noch eine Palme, noch ein Cocktail, noch ein Werbeslogan über das perfekte Leben.

Aber Orte werden nicht interessant, weil sie etwas darstellen wollen.

Sie werden interessant, weil sie etwas sind.

Niechorze muss kein Malibu werden. Es besitzt bereits alles, was Menschen eigentlich suchen: Meer, Zeit, Geschichten, gutes Essen und genügend Wind, um die Gedanken neu zu sortieren.

Fischerboote an der polnischen Ostseeküste bei Niechorze

Fischerboote schlafen am Strand. Bis das Meer sie wieder braucht.

Häuser zwischen Dünen und Kiefern nahe der Ostsee in Niechorze

Von diesem Balkon sieht man nicht nur das Meer. Man hört es auch.

Kasztel Niechorze ist kein Reiseportal.

Es ist auch kein Modelabel.

Zumindest nicht nur.

Es ist ein Journal über den Baltik. Über Orte zwischen Deutschland, Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Schweden und Dänemark. Über Menschen, Erinnerungen, Essen, Küsten und Geschichten, die selten auf Postkarten landen.

Und vielleicht ist genau das der Unterschied zu Malibu.

Malibu verkauft eine Vorstellung.

Der Baltik erzählt eine Geschichte.

Und Geschichten bleiben meist länger.

Das Journal – Geschichten vom Baltik.

Alle Artikel ansehen